Autorin
                            Kerstin Kirchhofen

Zorn ärgere dich

Klappentext

Seine Erinnerung ist ihre Rettung.

Exklusives Escape Game auf Burg Trips. Mit dieser Marketingkampagne wirbt Vincent Zorn für seinen nächsten Thriller. Der muss ein Erfolg werden, um endlich seine Spielschulden bei dem russischen Paketka Inkasso bezahlen zu können. Vincents Mutter Evelyn kandidiert für das Amt der Bürgermeisterin Geilenkirchens und möchte mit ihrer Teilnahme bei den jungen Wählerinnen und Wählern punkten. Eine Win-win-Situation für beide. Doch Evelyn taucht nie auf Burg Trips auf. Laut einem dubiosen Hinweis wurde sie entführt. Um sie zu befreien, muss Vincent sich auf eine Reise in seine Kindheit begeben. Stück für Stück deckt er dabei ein grausames Familiengeheimnis auf.

Henrys Mutter Elisabeth verschwand vor 16 Jahren unter mysteriösen Umständen. Wurde sie entführt? Diese Frage prägt Henrys Kindheit und lässt ihm keine Ruhe. Endlich hat er die Mittel und Möglichkeiten, nach seiner Mutter zu suchen.

 

Probekapitel

  Prolog

 

10. Oktober 2008
Vincent Zorn

 

Nervös bereitete Vincent sich auf seinen nächsten Zug vor.

„Fünf“, betete er. Wie in Zeitlupe flog der Würfel über den massiven Eichenholztisch. Aus dem Augenwinkel sah Vincent, wie sein Vater die Hand seiner Mutter streichelte. Voller Vorfreude, gleich als Sieger vom Platz zu gehen, beobachtete er den kleinen Gegenstand, der eine Pirouette vollführte und mit der Zahl Vier zum Liegen kam. „Mist!“

„Nicht fluchen“, ermahnte ihn sein Vater. Verärgert verschränkte Vincent seine Arme vor der Brust, zog einen Schmollmund und warf sich gegen die Rückenlehne seines Stuhls. Sein Blick schweifte zum Fenster. Dicke Regentropfen trommelten gegen die Scheibe. Die Tannen, Fichten, Eichen und Buchen wirkten wie halb gare Spaghetti, die jeden Moment den erbitterten Kampf gegen den Wind verlieren würden. Vincent konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt draußen gelesen hatte. Zuerst hatte er es gehasst, die Wochenenden in der Waldhütte zu verbringen. Nun, mit zehn Jahren, gab es für ihn kaum etwas Schöneres, als an einen Baum gelehnt in eine Phantasiewelt zu versinken. Die Familientradition, Sonntagnachmittage gemeinsam zu verbringen, stellte er mittlerweile infrage, doch bei diesem Wetter war es eine willkommene Abwechslung. Auch wenn er seinen Vater für einen Schummler hielt und lieber ohne ihn gespielt hätte.

„Seit Ewigkeiten haben wir kein Mensch ärgere dich nicht gespielt“, sagte seine Mutter lachend. Obwohl sie weit hinten lag, schien sie Spaß zu haben. Auch bei ihrem nächsten Wurf hatte sie Pech: nur eine Eins.
Sein Vater war der gefährliche Gegner. Seine letzte Spielfigur war nur wenige Felder von Vincents Männchen entfernt.
Keine Drei. Vincent kreuzte die Finger. Die Sekunden zogen sich wie Kaugummi. Natürlich zeigte der Würfel drei Punkte.
„Tut mir leid“, sagte sein Vater und fegte Vincents Männchen vom Spielfeld. „Ich hole mir ein Glas Wasser. Will noch jemand?“
Sowohl Vincent als auch seine Mutter schüttelten den Kopf. Sein Vater griff nach seinen drei leeren Bierflaschen, die klirrend gegeneinanderschlugen.
„Henk, bringst du mir doch eins mit Sprudel?“, rief seine Mutter.
Vincent würfelte keine Sechs, um seine Figur wieder auf das Spielfeld setzen zu können.
Henk kam mit den Getränken zurück, stellte sich hinter Vincents Mutter und gluckste: „Vielleicht bringe ich dir ja Glück, Evelyn.“
Tatsächlich würfelte sie zwei Sechsen nacheinander. Freudig verkündete sie: „Ich hole euch noch ein.“
„Na klar“, schmunzelte Vincents Vater und streichelte ihr über die Schulter.
Um seinen lodernden Ärger zu verbergen, konzentrierte Vincent sich auf das Knistern der Holzscheite im Kamin. Fehlte nur noch, dass Dampf aus seinen Ohren pfiff. Vincent fühlte eine Schramme auf dem Tisch, die noch nicht dem Instandsetzungswahn seines Vaters zum Opfer gefallen war. Stundenlang brachte er mit einem Walnusskern und Walnussöl das Familienerbstück wieder auf Vordermann. Die komplette Hütte bestand hauptsächlich aus antiken Möbeln.
Bevor Henk Platz nahm, dimmte er die Leuchte auf der frisch restaurierten Kommode. „Ist gemütlicher, oder?“
Niemand antwortete. Klackernd warf er den Würfel über das Spielfeld und zog triumphierend seine letzte Figur ins Ziel.
„Herzlichen Glückwunsch!“ Evelyn gab Henk einen Kuss auf die Wange.
In diesem Moment geschah es. Als hätte Magma tausende Jahre Kraft gesammelt, um mit einem ohrenbetäubenden Knall auszubrechen. Vincents Ärger war grenzenlos.
Er pfefferte das Spielbrett vom Tisch. Die Figuren flogen in alle Himmelsrichtungen. Erst als sein Stuhl dumpf auf dem Teppich aufschlug, bemerkte er, wie heftig er aufgesprungen war. Immer noch wütend nahm er schwungvoll das Glas seiner Mutter. Wasser schwappte über seine Hand. Mit Wucht warf er es neben dem Teppich zu Boden. Gefährlich glitzernde Scherben verteilten sich überall.
Das tut gut.
Hastig griff er nach seiner Tasse, aus der er noch vor wenigen Minuten warmen Kakao getrunken hatte. Doch bevor er auch sie zu Bruch werfen konnte, rann warmes, dickflüssiges Blut über seine Lippen. Vincent schmeckte Eisen. Ihm wurde schlecht.
Entsetzt betrachtete er seinen Vater, dessen erhobene Hand zitterte.
Seine Mutter hatte Tränen in den Augen. Ohne ein weiteres Wort stellte Vincent die Tasse ab und stampfte in sein Zimmer.
Weinend rollte er sich auf dem Bett zusammen. Dass er sein Kopfkissen vollblutete, war ihm egal.
Zaghaft wurde die Tür geöffnet. Durch seine Tränen sah er die verschwommenen Umrisse seiner Mutter. Ihr vertrauter Rosenduft beruhigte ihn.
„Komm, setz dich auf.“
Mit einem nassen Waschlappen entfernte sie die Blutspuren. Als sie fertig war, umarmte sie ihn und flüsterte: „Du weißt, dass es wieder ein Versehen war. Dein Vater liebt dich.“ Eindringlich sah sie Vincent in die Augen. Seine Tränen waren versiegt und er antwortete brav: „Natürlich, Mama.“


Kapitel 1
Fast 16 Jahre später


In seiner mittelgroßen Heimatstadt Geilenkirchen konnte Vincent trotz Berühmtheit seine Ruhe genießen. Die Bürger und Bürgerinnen waren mittlerweile an den Krimiautor gewöhnt. Nur selten fragte jemand nach einem Autogramm. Sprach man ihn dennoch an, blieb er stets freundlich und erfüllte auch den Wunsch nach einem Selfie.
Den Namen verdankte Geilenkirchen angeblich einer Holzkirche, die ein Franke namens Gelo errichtet haben sollte, im Sinne von „Geilos Kirche“. Doch Vincent behauptete immer, es liege an der geilen Stadt. Die Tatsache, dass sich selten ein Tourist hierhin verirrte, belehrte ihn natürlich eines Besseren. Wer den beliebten Radweg entlang des Flusses Wurm, der auch mitten durch Geilenkirchen floss, nutzte, kam meistens nicht von weither. Doch Vincent war hier aufgewachsen und fühlte sich dem Ort verbunden.
Zufrieden nahm Vincent einen großen Schluck und stellte die Bierflasche auf den klebrigen Tresen. Harrys Kneipe war wie immer spärlich besucht. Es gab nur vier weitere Gäste. Nickend grüßte Vincent seinen Nachbarn Louis, als ihre Blicke sich trafen. Ein Ehepaar unterhielt sich angeregt an einem kleinen Tisch. Der ungepflegte Mann in der hintersten Ecke genoss sein Bier ebenfalls.
Wie kommt Harry über die Runden?
Die Holzverkleidung an der Decke war in den Achtzigerjahren modern gewesen, die Tapete löste sich stellenweise und bei jeder Bewegung wackelte der Holzhocker gefährlich unter einem.
Zum rauschenden Countrysong wippte Vincent mit seinem Fuß. Er liebte das urige Flair, wie vermutlich die anderen Stammkunden auch.
Die letzten zehn Stunden waren Vincents Ideen aus seinen Fingern in den Laptop gesprudelt, sodass er seinen Flüssigkeitshaushalt wieder auffüllen musste. Die Handlung zu seinem neuen Buch war schon vor langer Zeit geboren, doch er hatte sie nie zu Ende geschrieben, da er mit den Tantiemen seines Erstlingswerkes „Der Marionettenmord“ in Saus und Braus leben konnte. Doch diese finanzielle Freiheit hatte er vor ein paar Wochen innerhalb von Sekunden wortwörtlich aufs Spiel gesetzt. Dem Himmel sei Dank warteten seine Fans auch nach vier Jahren auf eine Fortsetzung. In nur einer Stunde wurde sein kurzer Post mit der Ankündigung über zehntausendmal gelikt. Minütlich kamen mehr hinzu.
Harry stellte ihm ungefragt ein neues kühles Blondes hin.
„Ich muss wohl anschreiben. Du weißt ja, hab selten Bargeld dabei.“
„Kein Ding, weißte doch“, brummte Harry und warf das Spülhandtuch über seine Schulter, um einen neuen Kunden zu bedienen, der in Springerstiefeln zur Theke stapfte.
„Ich nehme auch so eins“, forderte der Fremde mit tiefer Stimme, zeigte auf Vincents Bier und setzte sich zwei Plätze weiter. Ein süffisantes Grinsen umspielte sein Gesicht, das sich fast vollständig unter der Baseballkappe versteckte. Zu einer Jeans trug er ein schwarzes Achselshirt. Seinen linken Oberarm zierte ein tätowierter Totenkopfschädel.
Vincent wurde mulmig zumute. Solche Kerle zettelten schnell eine Messerstecherei oder Schießerei an.
Du hast eindeutig zu viel Fantasie. Doch der Gedanke half nicht, denn der Griff des Bulligen in seine Gesäßtasche sorgte kurz für Schnappatmung. Zum Vorschein kam: ein Smartphone.
Keine Pistole! Hör auf mit deinen Hirngespinsten!
Vincent hatte das Gefühl, der Fremde beobachtete ihn. Wenn er angeblich etwas auf seinem Smartphone las, müssten sich doch seine Augen von links nach rechts bewegen? Über den Spiegel hinter der Bar sah Vincent, dass sie aber hypnotisch auf den kleinen Bildschirm blickten.
Plötzlich lachte der Fremde dreckig und legte seinen Kopf in den Nacken.
Puh, er guckt wohl ein Video. Erleichtert fielen Vincent die Ear Pods auf.
„Noch eins?“ Harry hatte schon den Öffner an die Krone gesetzt.
„Nein danke.“ Als Vincent sich erhob, ächzte der Schemel, genau wie die Dielenbretter bei jedem seiner Schritte.
Es war mittlerweile 23:53 Uhr.
„Bis morgen“, sagte Harry und widmete sich dem Spülbecken.
Es knarzte hinter Vincent. Wollte der Fremde ihm etwa folgen? Hatte ihn sein Gefühl doch nicht getäuscht? Mit dem war irgendetwas nicht in Ordnung. Solch ein Typ hatte ihn schon zu Schulzeiten tyrannisiert. Als Vincent berühmt wurde, hatte Dino sich mehrere Male entschuldigt, doch auf solche Leute konnte er gut verzichten. Dino war mittlerweile Alkoholiker und lebte von Gelegenheitsjobs.
Ein eiskalter Schauer lief Vincents Rücken hinab. Ein Blick über die Schulter verriet ihm, dass der Bullige in sein Video vertieft war. Womöglich hatte er nur die Sitzposition verändert.
Vincent musste dringend ins Bett und gähnte herzhaft. Draußen schlug ihm die schwüle Juli-Hitze entgegen.

 


Kapitel 2
12. Dezember 2008
Henry

Hell.
Alles blass.
Die Wände weiß.
Wie auch die Bettdecke.
Das Jesuskreuz über der Tür braun.
Vorsichtig schaute Henry sich um. Sterne tanzten vor seinen Augen. Benommen fasste er sich an den Kopf. Ein Verband.
„Mama“, wimmerte er.
Niemals würde sie ihn allein lassen. Besonders nicht mit einer Verletzung.
„MAAAMAA!“, brüllte er.
Die Tür ging auf.
„Alles wird gut.“
Ein Engel in Weiß, hätte seine Mutter gesagt.
„Wo ist meine Mama?“
Tränen kullerten seine Wangen hinunter. Verschwommen sah er einen zugezogenen Vorhang, hinter dem ein Patient schnarchte. In der linken Ecke befand sich eine kleine Sitzgruppe und neben dem Fenster stand ein hölzerner Kleiderschrank.
Dicke Schneeflocken erinnerten ihn an die letzte Schneeballschlacht mit seiner Mutter. Erst lächelte er, doch dass sie nicht hier war, machte ihn traurig. Henry zog die Nase hoch. Ein stechender Geruch von Desinfektionsmittel strömte herein.
„Tut dir etwas weh?“, wich die Krankenschwester seiner Frage aus und gab ihm ein Taschentuch. Auf ihrem Namensschild stand Susanne.
Henry hatte Angst.
„Wie heißt du?“, fragte Susanne.
„Henry.“ Seine Stimme zitterte.
„Und tut dir etwas weh, Henry?“
Er schüttelte den Kopf und ein pochender Schmerz durchzuckte seinen Schädel. Gelogen hatte er, um so schnell wie möglich seine Mutter zu sehen. Sie musste irgendwo im Krankenhaus sein, oder? Durfte sie nicht zu ihm? Oder war sie zu Hause?
Als sein Opa krank gewesen war, hatte Henry ihn auch nicht besuchen können.
Dein Opa braucht Ruhe, hatte ihm die Krankenschwester gesagt. Wenige Tage später war er in den Himmel gegangen.
Das geschieht, wenn man alt ist. Unter Tränen hatte seine Mutter ihm die Nachricht mitgeteilt.
„Gehe ich zu Opa?“, wollte Henry wissen.
„Wo ist er?“ Susanne runzelte die Stirn.
Schniefend setzte er sich auf. „Im Himmel.“
„Nein“, sagte Susanne ruhig und nahm neben ihm Platz. „Du wirst wieder gesund.“
Ihre warme Hand wischte seine Tränen weg. Henry mochte sie. Trotzdem wünschte er, seine Mutter wäre hier.
„Ich weiß, dass dein Kopf weh tut.“
Henry war ein lausiger Lügner. Genau wie seiner Mutter konnte er auch der Schwester nichts vormachen.
„Du ruhst dich jetzt noch etwas aus. Und wenn es dir besser geht, bringe ich dir einen Pudding.“
Die Aussicht war verführerisch, aber die Sehnsucht nach seiner Mutter war größer. Er musste sie suchen und schlug die Decke zur Seite. Sanft drückte Susanne ihn auf das Kissen zurück.
„Keine Widerrede.“
„Ich will zu meiner Mama.“
Panik stieg in ihm auf. Wieso musste er hier ganz allein liegen? Er brauchte eine Erklärung. Jetzt.
Henry wehrte sich mit Händen und Füßen. Ihm wurde schwindelig, er erbrach sich.
„Siehst du, du brauchst Schlaf.“ Susanne streichelte über seinen Kopf. „Ich hole frische Bettwäsche. Bitte versprich mir, dass du liegen bleibst.“
Ein Nicken. Trotz seiner sechs Jahre hatte er in Windeseile einen Plan gefasst. Kaum hatte sich die Tür hinter Susanne geschlossen, versteckte er sich im leeren Schrank. Nicht mal Klamotten hatte seine Mutter ihm gebracht. Hier stimmte etwas nicht.
Nur wenige Minuten später beobachtete er durch einen schmalen Türspalt, wie Susanne die neue Decke aufs Bett warf und seinen Namen rufend wieder hinauslief.
Trotz wackliger Beine schaffte es Henry bis zu den Aufzügen. Wie er den Krankenhausgeruch hasste. Alt und krank.
Bing. Ratternd öffnete sich die Tür. Eine bekannte Stimme ließ ihn innehalten. Henry lugte um die Ecke. In der Mitte des Flurs, neben dem Kaffeeautomaten, saß seine Nachbarin Maria.
„Genau, ich sollte auf ihn aufpassen. Elisabeth meinte, es würde nicht lange dauern. Und dann hat Mario geklingelt. Wissen Sie, mein Date. Na ja. Und ich dachte …“, sprudelte es aus ihr heraus.
„Und Sie dachten, Henrys Mutter kommt jeden Moment nach Hause“, ergänzte der Polizist.
„Es war schon halb elf. Länger als 23 Uhr bleibt sie nie weg.“ Marias Stimme klang piepsig, obwohl sie vor Kurzem schon achtzehn Jahre alt geworden war. „Henry hat geschlafen. Ich dachte, er würde nicht mitbekommen, dass er allein ist.“
Der Beamte reichte ihr ein Taschentuch, mit dem sie sich die Tränen wegwischte.
„Und warum sind Sie am nächsten Morgen in die Wohnung zurückgekehrt?“
„Ich wollte mich für mein früheres Weggehen entschuldigen.“ Sie schnäuzte sich. „Ich wunderte mich, dass niemand öffnete und bin rein und … und dann lag er da. Überall Blut. Oh Gott, ich …“
Der Polizist tätschelte ihre Schulter.
Ich wollte ein Glas aus der Vitrine nehmen und bin gestürzt. Autsch. Gedankenverloren fasste Henry sich an den Hinterkopf. Doch nicht sein Schädel brummte, sondern seine linke Hand schmerzte. Ebenfalls ein Verband.
Nachdem sich Marias Heulkrampf gelegt hatte, fragte der Polizist: „Wo Henrys Mutter hinwollte, wissen Sie nicht?“
„Sie hat nur was von Geilenkirchen gesagt. Sie müsse dorthin.“
„Mehr nicht?“ Der Polizist schaute Maria eindringlich an. „Jedes Detail könnte wichtig sein.“
Maria nahm sich zum Nachdenken etwas Zeit. Nur das Summen der Deckenlampe war zu hören.
„Als Elisabeth die Tür raus ist, hat sie etwas gemurmelt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe.“
Atemlos spitzte Henry die Ohren.
„Es könnte uns helfen“, ermunterte der Polizist Maria.
„Na ja, ein bisschen habe ich mir zusammengereimt.“ Nervös blickte sie sich um. Erst fürchtete Henry, sie hätte ihn entdeckt, doch er hatte Glück.
Geduldig wartete der Polizist, Henrys Herz hingegen pochte wild.
„Sie wollte sich holen, was ihr zusteht. Seit zwei Monaten hätte er nicht mehr bezahlt.“
„Wer?“
„Keine Ahnung.“ Maria stand auf. „Vielleicht Henrys Vater?“, sagte sie, während sie die Arme verschränkte.
„Kennen Sie ihn?“
Nun schien Henrys Herz vor Aufregung heraus zu springen. Sein Vater war schon vor seiner Geburt abgehauen. Wenn Henry etwas über ihn wissen wollte, wich seine Mutter immer aus. Umso enttäuschter war er von Marias Antwort. „Nein. Elisabeth spricht nicht gern über ihn. Ich weiß nicht mal seinen Namen.“
„Henry!“ Susannes wütende Stimme hallte über den Flur. Energisch kam sie näher. „Ich habe doch gesagt, du brauchst Ruhe.“
Nun hatte Maria ihn auch entdeckt. „Oh Gott, Henry. Es tut mir so leid.“ Schluchzend rannte sie zu ihm und umarmte ihn.
„Ich will zu Mama.“
Maria kniete sich vor ihn. „Das … das geht leider nicht.“ Hektisch blickte sie zu Susanne, zum Polizisten und wieder zurück zur Krankenschwester. „Hat es dir keiner gesagt?“
„Was?“
Sanft zog Susanne an Henrys Ärmel. „Nicht jetzt. Er muss sich erholen.“
„WAS?“ Er brüllte und befreite sich mit einem Ruck aus dem Griff.
Er wusste es. Wusste, was kam. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Manchmal hasste er es, schlau zu sein.
„Deine Mama … Sie ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen.“
Da war sie, die Gewissheit. Jetzt konnte er sie nicht mehr verdrängen.
Mama hat mich nie verletzt allein gelassen.
Nun war es laut ausgesprochen. Oder war sie sogar tot? Wie Opa.
Versteinert blieb er stehen.
„Henry?“, fragten Maria und Susanne gleichzeitig besorgt.
„Wir werden deine Mama finden“, versprach der Polizist.
Tot war sie also nicht.
Es gab Hoffnung.
Oder?
Bitte!

 


Kapitel 3
Vincent


Trotz der späten Stunde war es immer noch heiß.
Die Straßen menschenleer und jede zweite Laterne ausgeschaltet. Nach wenigen Minuten klebte sein T-Shirt am Rücken. Als er sich den Schweiß von der Stirn wischte, nahm er schwere Schritte wahr. Sein Herz raste. Vincent eilte weiter, hektisch warf er einen Blick nach hinten und blieb verdutzt stehen.
Da war niemand. Er lachte peinlich berührt.
Seine Spezialität: sich selbst Angst machen.
Zügig schlug Vincent wieder den Heimweg ein.
Eine kalte Dusche und dann ab ins Bett.
Ein Vogel flog aus einer alten Eiche. Erschrocken fuhr Vincent zusammen und stolperte über eine Wurzel, sodass er sein Tempo wieder drosselte. Die Straßenlaterne über ihm erstarb mit einem letzten Flackern.
Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er seine Umgebung wieder erkennen. Eine Baseballkappe lugte um eine Hausecke. Also doch.
Ruhig bleiben! Soll ich besser die Abkürzung durch den Park nehmen? Langsam ging Vincent weiter. Sein Verfolger sollte keinen Verdacht schöpfen.
Im Stadtpark ist es viel zu einsam.
Andererseits war er bisher selbst auf der Straße keiner Menschenseele begegnet. Nicht mal ein Auto war vorbeigefahren, sodass es hier auch nicht sicherer war. Außerdem kannte Vincent jeden Grashalm im Park.
Am Parkplatz vor dem Eingang zum Park heulte plötzlich einige Meter entfernt ein Motor auf und Scheinwerfer blendeten ihn. Er war also doch nicht allein. Das war seine Chance. Er spurtete zum Auto. Dank der Innenbeleuchtung erkannte Vincent, dass die Fahrerin Lippenstift auflegte.
Am Wagen angekommen, verplemperte er keine Zeit und klopfte direkt an das Fenster der Fahrerseite.
„Ich werde verfolgt! Bitte, Sie müssen mich mitnehmen“, rief Vincent und verfehlte den Griff der hinteren Tür. Als er ihn endlich zu fassen bekam, zog er kräftig daran. Nichts geschah.
Türverriegelung!
Die Frau riss die Augen auf. Ein greller, gedämpfter Schrei. Mit quietschenden Reifen fuhr sie davon.
Verflucht!
Warum hatte er nicht nachgedacht?! Sie hielt ihn bestimmt für einen Dieb, Vergewaltiger oder sonst jemanden. Doch Vincent blieb keine Zeit, um über seine Dummheit zu schimpfen. Schwere Springerstiefel knirschten über Glasscherben.
Vincent hielt an seinem Plan fest und erreichte den Wurmauenpark, der nur spärlich beleuchtet war. Das war sein Vorteil.
Eine Entenmutter quakte. Nun wurden auch die Küken wach, die in das Konzert mit einstimmten.
Denk nach!
Der Mond spiegelte sich im See. Ein idyllischer Ort, sofern man keinen bulligen Schlägertyp hinter sich hatte. Mittlerweile hatte Vincent eine Ahnung, wieso er ihn verfolgte. Er musste den Kerl loswerden. Gut, dass es heute Abend nur zwei Bier gewesen waren.
Das Wasser!
Etwas riskant, aber eine günstige Gelegenheit.
Früher hatte Vincent oft dort gespielt, sodass er den Weg vielleicht noch blind finden würde.
Ihre Mutprobe nach Schulschluss lautete häufig: Mit verbundenen Augen über die Betonsteine im See laufen. Das eine oder andere Kind stürzte dabei und hatte sich Schienbein, Stirn oder Arm aufgeschürft. Auch Vincent war einige Male im Wasser gelandet, bis er wusste, wie groß seine Schritte sein mussten. Er hoffte, dass er die Schrittlänge nach all den Jahren noch verinnerlicht hatte.
Die Platten waren kaum zu erkennen. Für seinen Verfolger musste es wie ein Wunder aussehen, als Vincent quasi über den See lief.
Seine Idee funktionierte. Der Verfolger blieb stehen, kramte sein Smartphone heraus und leuchtete das Ufer aus. Nun musste er erkannt haben, dass Vincent anscheinend doch nicht der zweite Jesus war.
Es klappt!
Doch Vincents Triumph dauerte nur kurz. Er musste sich schleunigst aus dem Staub machen. Der Fremde würde mithilfe des Lichts schnell aufholen.
Die Unterführung am Ende des Parks brachte Vincent wieder auf eine Straße. Das Echo seines schnellen Atems hallte laut im Tunnel, an dessen Ende er plötzlich geblendet wurde.
Ein Wagen raste auf ihn zu. Wie versteinert blieb Vincent stehen und hob seine Arme, als würden sie den Aufprall verhindern können. Reifen quietschten. Wenige Millimeter vor seinen Knien kam das Auto zum Stehen.
Fluchtinstinkt packte Vincent. Aber hinter ihm versperrte der Bullige den Weg.
Eine Tür wurde geöffnet. Der Mann war um einiges kleiner als Vincent und längst nicht so muskulös wie sein Verfolger, doch deutlich furchteinflößender.
Mit russischem Akzent sagte er: „Komm, Vincent. Steig schon ein!“
Sein Name war Vito.
Ausgerechnet der Anführer des Paketka Inkassos.

 


Haben euch die Probekapitel gefallen? Voraussichtliches Erscheinungsdatum wird im August 2024 sein. Ich halte euch auf dem Laufenden.



Der Marionettenmord - Wer zieht die Fäden? 

Kann jeder einen Menschen töten? Diese Frage quält Leon Lange, einen schüchternen Kreditberater. Seit seinem Neuanfang in Frankfurt schneidet er in seinen Träumen Nacht für Nacht einer Prostituierten die Kehle durch. Als er Indizien eines realen Mordes in seiner Wohnung findet, zweifelt Leon an seinem Verstand.                   

Mit seiner besten Freundin Mia macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit. Bei ihren Nachforschungen stoßen sie jedoch auf immer mehr Hinweise, die Leon belasten. Aber warum kann er sich nicht an die Tat erinnern?                              

Je tiefer Mia und Leon graben, umso mehr geraten sie in ein Labyrinth aus Lügen und Intrigen. 

Wem kann er noch vertrauen?


Probekapitel

Kapitel 1

Er, ein Mörder? Nach all dem, was er durchgemacht hatte, nach all diesen Schicksalsschlägen und den Verlusten konnte er kein Mörder sein.

Ein Schrei weckte ihn. Es war sein eigener schriller Schrei. Schweißgebadet schreckte Leon Lange hoch, mit geweiteten Augen und einem Puls, als wäre er einen Marathon gelaufen. Dabei war er in seinem eigenen Bett. Zitternd und keuchten saß er da, seine Beine merkwürdig verdreht in der Bettdecke verwickelt. Die Jalousien flatterten. Durch sein schwunghaftes Aufrichten war Leon gegen sie gestoßen. Das gestreifte Mondlicht erzeugte eine unheimliche Stimmung. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den verschwitzten Rücken.
Schon wieder dieser Albtraum. Warum träumte er ihn immer und immer wieder? Mechanisch fuhr er mit seinem Finger über die Narbe auf seiner Hand.
Leon schlurfte ins Wohnzimmer und ließ sich seufzend auf die Couch fallen. Der Couchtisch war übersät mit Post. Nach einem kurzen Überfliegen, hatte er sie dort abgelegt. Die sollte ich endlich mal sortieren und abheften!
An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken, sein Kopf war hellwach. Obwohl er eigentlich todmüde war und sich am liebsten wieder hingelegt hätte, würde er nicht mehr einschlafen können. Wieso schnitt er dieser fremden Frau die Kehle auf? Seit drei Monaten quälte Leon dieser Albtraum, fast jede Nacht, und er fand keine Erklärung dafür. Lag es an der neuen Wohnung?
Es war noch früh am Morgen. Die vom schwachen Mondlicht erhellte Uhr über der Wohnzimmertür zeigte Viertel nach fünf. Sie tickte leise. Das Geräusch rief wieder die Erinnerung an den grausamen Traum wach. Aber warum? Eine Uhr kam in seinem Traum überhaupt nicht vor, sie hatte höchstens eine symbolische Bedeutung. Schließlich war die Lebenszeit dieser armen Frau abgelaufen. Endgültig.
Jetzt philosophierte er wieder vor sich hin. Es war doch nur ein alberner Traum!
Kopfschüttelnd stand Leon auf, er musste sich ablenken. Ein Glas Wasser und eine Joggingrunde würden ihm sicherlich guttun.
Als Leon zur Flasche griff, hielt er inne. Eine Boulevardzeitschrift lag aufgeschlagen auf dem Küchentresen. Er abonnierte solch einen überflüssigen Kram gar nicht. Langsam zweifelte er an seinem Verstand.
Leon keuchte erschrocken auf, als sein Blick auf den roten Kringel um einen Artikel fiel. Die Linien, die sich einen Weg durch die Worte bahnten, endeten jeweils mit einem Tropfen. Als er die Zeitung mit zitternden Händen fast senkrecht hielt, sahen sie aus wie herablaufendes Blut.
Den Filzstift, der herunter kullerte, nahm Leon nur unbewusst wahr. Sein Fokus lag einzig und allein auf dem Zeitungsausschnitt:


„25-jährige schwangere Prostituierte ermordet
Am Samstagmorgen, den 5. September, entdeckte ein Anwohner eine Leiche mitten in der Frankfurter Luxemburger Straße. Sie lag mit durchgeschnittener Kehle achtlos in einem Müllcontainer.
Bei dem Opfer handelt es sich um die heroinabhängige Prostituierte Lynn S.
Laut Obduktion war sie im siebten Monat schwanger. Die Befragungen in ihrem persönlichen Umfeld dauern noch an.
Wer ist ihr Mörder? Hat sich Lynn S. für den Kauf von neuem Stoff an den Falschen gewandt? War es der Vater des Kindes oder einfach nur ein Psychopath?
Die Polizei bittet um Hinweise.“


Bumm! Bumm! Leon fasste sich an die Brust, da sein Herz vor Entsetzen herauszuspringen schien. Eiskalter Schweiß lief seine Stirn hinab. Eine Panikattacke. Diesmal war seine schreckliche Vergangenheit nicht der Auslöser. Der Artikel beschrieb genau den Mord aus seinem Albtraum. Das konnte doch nicht sein!
Mit zitternden Fingern suchte Leon die Telefonnummer seines Therapeuten in der Kontaktliste seines Handys. Tag und Nacht, hatte Dr. Maximilian Stühler versichert, sei er für ihn erreichbar.
Leon vergaß, dass es für einen Anruf noch viel zu früh war. Er brauchte jetzt Hilfe, um nicht durchzudrehen.
Eine verschlafene Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung.
Leon platzte heraus: „Ich werde verrückt. Schon wieder dieser Traum und jetzt …“
„Ach, Herr Lange, was kann ich für Sie tun?“
Die Müdigkeit von Dr. Stühler schien verflogen, was Leon ungemein beruhigte.
„Ich war so in Panik, da habe ich Ihre Nummer gewählt. Ich befürchte ich drehe langsam durch.“ Leon biss sich in den Zeigefinger, der Schmerz konzentrierte seinen Verstand darauf.
„Was genau war der Beweggrund für Ihre Panikattacke?“
„Na ja, der Traum wirkte so real und die Frau … Wissen Sie, die Frau, sie sieht meiner Katharina so ähnlich.“
Dass die Unruhe hauptsächlich vom Zeitungsartikel herrührte, verschwieg Leon. Er war sich nicht sicher, wie weit Dr. Stühler in diesem Fall an die ärztliche Schweigepflicht gebunden war. Musste er der Polizei mitteilen, wenn einer seiner Klienten ein Mörder war? Vor Leons Auge erschien der Satz: Die Polizei bittet um Hinweise.
„Verstehe, Ihrer Ehefrau“, antwortete Dr. Stühler bedächtig.
„Was hat das zu bedeuten?“
„In den letzten Sitzungen haben wir uns viel über Ihren tragischen Verlust unterhalten. Sie verarbeiten gerade das Ganze und wollen sich endlich mit der Tatsache abfinden, dass es einfach nur ein Unfall war.“
„Klar, Unfall! Wenn sie mir schon nicht von der Kündigung Ihres Jobs erzählt hat, könnte auch am Unfall etwas falsch sein.“
„Kündigung?“, fragte Dr. Stühler verwundert.
„Als ich Katharinas Chef den tragischen Unfall mitteilen wollte, erfuhr ich, dass sie schon zwei Jahre zuvor gekündigt hatte.“
„Das haben Sie mir nie erzählt.“
Leon schwieg. Es war ihm unangenehm, dass er seine Ehefrau scheinbar nicht gekannt hatte. Sie hatte ihn angelogen. Seit zwei Jahren hatte sie schon nicht mehr für J. K. Consulting gearbeitet. War überhaupt etwas echt an Katharina?
Um von seiner Enttäuschung abzulenken, stellte er eine drängende Frage: „Warum bringe ich sie um?“
„Herr Lange, ich bin mir sicher, Sie können in der Realität nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun. Neben der Verarbeitung Ihres Traumas spiegelt sich der Zwiespalt zwischen Wut und Zuneigung wider.“
Diese Erklärung beruhigte Leon ein wenig, brachte aber gleichzeitig wieder seine Wut auf Katharina hervor. Er atmete tief ein und aus.
„Ihre gemeinsame beste Freundin. Wie hieß sie noch gleich?“, fragte Dr. Stühler unvermittelt.
„Mia.“ Leon setzte sich auf den Küchenstuhl und zog die Knie an. Er zitterte.
„Stimmt, Mia. Sie war doch eine Zeugin des Unfalls.“
„Ja, aber es regnete in dieser Nacht und dann war da diese verschleierte Frau. Ein Crewmitglied hatte sie ganz in der Nähe des angeblichen Sturzes gesehen. Sie trug sogar eine Sonnenbrille, obwohl es mitten in der Nacht war ...“
Dr. Stühler unterbrach ihn: „Jetzt zweifeln Sie schon wieder an Mias Aussage. Genau das versuchen Sie während des Schlafes zu verarbeiten.“
„Hm… kann sein.“
„Sie vertrauen ihr doch, oder?“, fragte Dr. Stühler eindringlich.
„Ja klar, wir sind schließlich zusammen groß geworden. Wir sind durch die schwersten Zeiten gegangen. Ich würde ihr mein Leben anvertrauen.“
„Na, sehen Sie. Warum sollte Mia also lügen. Sie war sich doch ganz sicher.“
„Aber sie musste Katharinas Tod mit ansehen und war danach tagelang nicht ansprechbar. Durch den Schock könnte Mia ein wichtiges Detail verdrängen.“
„So etwas passiert, jedoch hat Mia den Vorfall therapeutisch aufgearbeitet, sodass nun eine Verdrängung ausgeschlossen werden kann. Oder gibt es neue Erkenntnisse?“
„Nein. Alles beim Alten,“ antwortete Leon zögerlich.
Seine Aussage, er würde Mia sein Leben anvertrauen, war nicht einfach so daher gesagt. Leon wusste, er konnte sich hundertprozentig auf sie verlassen, doch sein Zweifel galt immer noch einer erfolgreichen Therapie. Er konnte nun gut nachvollziehen, wie schwer es war, ein Trauma zu überwinden, da er endlich denselben Schritt gewagt hatte.
„Was halten Sie davon, wenn Sie gleich Montagmorgen vorbeikommen und wir uns persönlich unterhalten?“, bot Dr. Stühler an.
„Da muss ich arbeiten.“
„Wie wäre es danach? Passt Ihnen 17 Uhr?“
„Ja, prima, danke.“
Das Telefonat mit Dr. Stühler hatte Leon etwas entspannt. Für die Albträume gab es eine simple Erklärung. Er musste endlich aufhören, nach einem Grund für Katharinas Unfall zu suchen. Dr. Stühler hatte recht, zu einem Mord wäre Leon niemals fähig. Er war oft schläfrig, hatte vermutlich unterbewusst diesen Artikel markiert und die Zeitschrift versehentlich einer Nachbarin stibitzt. Alles nur ein Zufall. In Großstädten wurde doch fast täglich jemand umgebracht. Anders als in seinem Heimatdorf Effeld, wo sofort der Nachbar auf der Matte stand, wenn etwas Ungewöhnliches geschah. Beruhigt, dass der Artikel nichts mit ihm zu tun hatte, beschloss Leon, endlich eine Runde zu joggen. Seit dem Umzug vor drei Monaten war er kaum seinem liebsten Hobby nachgegangen.
Obwohl es immer noch erst kurz nach sechs Uhr war, zog er sich hastig um. Voller Vorfreude, den Asphalt unter den Füßen zu spüren, seinen Rhythmus zu finden und seinen düsteren Gedanken zu entkommen, startete er seine App, um die Strecke aufzuzeichnen. Beim Blick auf seine letzten Strecken stutzte er. Lediglich eine Aufzeichnung war gespeichert, mitten in der Nacht um 2:11 Uhr am 5. September. Merkwürdig!
Das Datum löste eine dunkle Ahnung in ihm aus. Hatte jemand an dem Tag Geburtstag? Ihm fiel niemand ein, schließlich lebte er seit Katharinas Tod zurückgezogen und traf sich hauptsächlich mit Mia.
Leons Knie wurden weich. Zudem spielte seine Temperatur verrückt. Erst überkam ihn eine Hitzewallung und plötzlich lief ihm kalter Schweiß über die Stirn. Er zitterte. Während er die Schweißtropfen hastig wegwischte, wurde ihm schwarz vor Augen. Leon ging langsam in die Hocke, um nicht umzukippen.
Ruhig bleiben! Dafür gibt es bestimmt eine vernünftige Erklärung. Als er sich ein wenig besser fühlte, erhob er sich und ging wieder zum Küchentresen. Sein Blick fiel direkt auf den markierten Artikel. 5. September! Die Zeilen verschwammen vor seinen Augen, nur ein paar Worte sprangen ihm entgegen: Prostituierte, Mörder, Polizei. Leon erbrach sich.
Nachdem er seine Mundwinkel von den Überresten des Erbrochenen mit einem Küchentuch befreit hatte, entsperrte er mit zittriger Hand sein Smartphone. Die aufgezeichnete Strecke führte zur Luxemburger Straße in seinem Viertel und wieder zurück zu seiner Wohnung. Herrgott noch mal, er würde sich doch erinnern können, wenn er um diese Zeit gejoggt wäre. Er musste den Mord mit angesehen haben und war dann vor Schreck auf der Stelle umgekehrt. Das würde auch seine Albträume erklären. Aufgewühlt schritt Leon durch seine Wohnung. Was sollte er tun? Musste er als möglicher Zeuge zur Polizei gehen?
Mia. Sie war die Einzige, die ihm helfen konnte. Doch er wollte sie unmöglich so früh wecken. Seit Katharinas Unfall hatte Leon ihre Hilfsbereitschaft schon häufig überstrapaziert. Er musste sich mit etwas Anderem beschäftigen, bis er Mia anrufen konnte.
Leon betrat das Arbeitszimmer, hier müsste es sein. Das Tablet hatte er noch nicht ausgepackt. Es war in einem der Kartons, die in einer Ecke standen. Ein You-Tube-Video von Truck Diary war jetzt genau richtig. Jemandem zuzuschauen, wie er seinen Lkw fuhr, würde ihn sicherlich ablenken. Das beruhigende Brummen des Motors hatte ihm schon in vielen verzweifelten Momenten geholfen.
Was war das für ein Geräusch? Ein Knarzen. Leon wippte mit den Füßen vor und zurück. Ein Dielenbrett war lose. Er bückte sich und klopfte darauf. Ein hohler Klang echote durch den fast leeren Raum. Hatte er ein geheimes Versteck gefunden? Jetzt war er neugierig.
„Mist!“, fluchte Leon, als sich ein Holzsplitter in seinen Finger bohrte. Er zog ihn raus. Mit erhobener Hand beobachtete er, wie das Blut sich seinen Weg von der Fingerkuppe, über den Finger bis hin zum Handgelenk bahnte. Provisorisch wickelte Leon ein Taschentuch um die Wunde. Gespannt griff er nach dem Brett, um zu sehen, ob sich darunter etwas verbarg. Tatsächlich handelte es sich um einen Hohlraum. Ein metallischer Geruch strömte in seine Nase. Der einzige klare Gedanke, den er fassen konnte, war, dass ihm sein Geruchssinn einen Streich spielen musste. Die Frischhaltefolie, in der, der Gegenstand eingewickelt war, musste doch verhindern, dass er den Duft wahrnahm.
Was er in dem Loch entdeckte, ließ erneut Übelkeit in ihm aufsteigen. Das war unmöglich!
Leon musste doch ein Mörder sein. Vor ihm lag ein Puzzlestück, das eindeutig seine Schuld bewies.
In dem Moment klopfte es an der Tür. Leon zuckte zusammen. „Aufmachen, Polizei!“


Hat es euch gefallen, klickt um zum Verkaufslink zu gelangen


Falls es mit dem Verlinken nicht funktioniert, hier der Link: https://shop.tredition.com/booktitle/Der_Marionettenmord/W-561-603-796

In folgenden Buchhandlungen ist mein Werk vorrätig:

Gollenstede in Heinsberg, Kirch in Wegberg, Lyne von de Berg in Geilenkirchen, Viehausen und Wild in Erkelenz